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FIDLEG SOLUTION - News 4/2018

Der Einsatz von EU Vertriebsstellen durch Schweizer Vermögensverwalter unter MiFID II

EINFÜHRUNG

Diese Ausgabe der MiFID II Serie von FIDLEG SOLUTION – News 4/2018 behandelt die Frage, ob und wie Schweizer Vermögensverwalter EU Vertriebsstellen beiziehen können, um ihre Finanzdienstleistungen und/oder –produkte, vor allem Fonds, in der Europäischen Union zu vertreiben.

KANN DURCH DEN EINSATZ VON EU VERTRIEBSSTELLEN DEN PRODUKT GOVERNANCE-REGELN GEMÄSS MiFID II ENTGANGEN WERDEN?

MiFID II enthält sehr strenge und noch nie da gewesene Produkt Governance-Regeln. Das Ziel dieser Regeln ist es sicherzustellen, “dass Finanzinstrumente nur angeboten oder empfohlen werden, wenn dies im Interesse des Kunden liegt“ (MiFID II, Erw. 71). In der Sache geht es einmal mehr um die Stärkung des Anlegerschutzes.

Diese Produkt Governance Regeln verursachen einen immensen administrativen Aufwand und immense Kosten. Ein Schweizer Vermögensverwalter mag sich darum die Frage stellen, ob und wie er dieser Last entgehen kann.

Oftmals wird als Lösung vorgebracht, dass Vertriebsstellen (oder sog. Placement Agents) in der Europäischen Union beigezogen werden sollten. Dies hätte zur Folge, dass der Schweizer Vermögensverwalter seine Finanzprodukte und –dienstleistungen in der Europäischen Union nicht mehr selbst vertreibt, sondern vielmehr in der Schweiz bleibt und einer Drittpartei den Vertrieb in der EU überlässt. Dies liess die Hoffnung aufkommen, dass der Schweizer Vermögensverwalter damit den Produkt Governance-Regeln von MiFID II entgehen könnte.

Der Schweizer Vermögensverwalter dürfte allerdings bald enttäuscht sein: Nur durch den Beizug eines vertreibenden Dritten wird er von der Last der Produkt Governance-Regeln nicht befreit.

DIE GESETZLICHE GRUNDLAGE DER MIFID II PRODUKT GOVERNANCE REGELN

Die gesetzliche Grundlage der Produkt Governance-Regeln findet sich in Art. 16(3) und in Art. 24 MiFID II.

In aller Kürze: Art. 16(3) MiFID II schreibt vor, dass Wertpapierfirmen auf Dauer wirksame organisatorische und verwaltungsmässige Vorkehrungen für angemessene Massnahmen treffen müssen um zu verhindern, dass Interessenkonflikte den Kundeninteressen schaden.

Und Art. 24 MiFID II verlangt, dass Wertpapierfirmen sicherstellen, dass deren Finanzprodukte so entwickelt werden, dass sie die Bedürfnisse des identifizierten Zielmarktes erfüllen. Damit soll verhindert werden, dass in der Europäischen Union Produkte verkauft werden, welche für die avisierten Anleger weder angemessen noch geeignet sind.

Am 2. Juni 2017 hat die Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde ("ESMA") ihren “Final Report on MiFID II Product Governance Guidelines to safeguard Investors” veröffentlicht (Link; nur in englischer Sprache). Diese Guidelines stellen sicher, dass diese Produkt Governance-Regeln in der ganzen Europäischen Union einheitlich angewandt werden.

WAS SIND GENAU DIE MIFID II PRODUKT GOVERNANCE-REGELN?

Die MiFID II Produkt Governance-Regeln können in zwei Gruppen von Regeln unterteilt werden: Die Regeln, welche die sog. Entwickler von Finanzprodukten betreffen und die Regeln, welche die Vertriebsstellen von Finanzprodukten betreffen. Zusammengefasst verlangen diese Regeln folgendes:

Für die Produktentwickler verlangt MiFID II, dass diese ihre Verantwortung auf den Endanleger ausrichten und nicht auf die Vertriebsstellen. Zu diesem Zweck hat jeder Produktentwickler folgende Massnahmen zu ergreifen:

Gestützt hierauf müssen die EU Vertriebsstellen einen spezifischen Produkt Governance-Prozess einführen, die das Verständnis der vertriebenen und empfohlenen Finanzprodukte, eine Überprüfung der Vereinbarkeit der Finanzprodukte mit den Bedürfnissen ihrer Kunden und schliesslich die Sicherstellung beinhaltet, dass die Finanzprodukte nur dort vertrieben und an diejenigen Anleger empfohlen werden, wo dies im Interesse des Anlegers ist. Zu diesem Zweck haben die Vertriebsstellen die folgenden Massnahmen zu ergreifen:

Diese Pflichten erstrecken sich über den ganzen Lebenszyklus eines Finanzproduktes, d.h. vom initialen Design bis zur Betreuung der Anleger.

UND INWIEFERN BETRIFFT DIES SCHWEIZER VERMÖGENSVERWALTER?

Da MiFID II ein Gesetzesakt der Europäischen Union ist, der die Schweiz aber nie beigetreten ist, stellt sich die Frage, inwiefern diese Regeln einen Schweizer Vermögensverwalter betreffen.

Die Antwort ist einfach: Die EU Vertriebsstellen, welche ein Schweizer Vermögensverwalter beauftragt, werden genau diese Informationen vom Schweizer Vermögensverwalter einfordern. Nur so können diese EU Vertriebsstellen nämlich ihre Produkt Governance-Pflichten erfüllen. Sie haben denn auch alle notwendigen Schritte zu unternehmen, um sicherzustellen, dass die Produktinformationen, welche sie vom Schweizer Vermögensverwalter bekommen, zuverlässig und angemessen sind, um die Finanzprodukte in der EU in den entsprechenden Zielmärkten vertreiben können. Sofern diese Produktinformationen nicht aus öffentlichen Quellen erhältlich sind, haben sie vertraglich sicherzustellen, dass sie diese Informationen bekommen.

Somit hat ein Schweizer Vermögensverwalter, der seine Finanzprodukte in der Europäischen Union vertreibt oder vertreiben lassen will, die Produkt Governance-Regeln gemäss MiFID II einzuhalten und den EU Vertriebsstellen alle erforderlichen Informationen zur Verfügung zu stellen.

DA KOMMT NOCH MEHR…

Die nächste Ausgabe der MiFID II Serie von FIDLEG SOLUTION – News 5/2018 wird die Auswirkungen der neuen Europäischen Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) diskutieren und welche Auswirkungen sie auf Schweizer Vermögensverwalter hat.

Ihr FIDLEG SOLUTION Team
www.fidlegsolution.ch