FIDLEG SOLUTION - News 5/2019

Kundensegmentierung nach FIDLEG

Vergleichbar mit MiFID II müssen nach Art. 4 Abs. 1 des neuen Finanzdienstleistungsgesetzes (FIDLEG) sämtliche Finanzdienstleister nach FIDLEG und somit auch die Vermögensverwalter ihre Kunden, für die sie Finanzdienstleistungen erbringen, etwa Anlageberatung oder Vermögensverwaltung, einem der folgenden Segmente zuordnen:

  1. Privatkunden
  2. Professionelle Kunden
  3. Institutionelle Kunden (Untergruppe der professionellen Kunden)

Eine Übersicht für die Zuordnung von Kunden in die verschiedenen Kundensegmente finden Sie in der untenstehenden Tabelle.

WELCHE BEDEUTUNG HAT DIE KUNDENSEGMENTIERUNG?

Zentrale Bedeutung hat die Kundensegmentierung für den Umfang der Informationspflichten sowie der Dokumentations- und Rechenschaftspflichten gemäss FIDLEG. Für Privatkunden soll das höchste und für institutionelle Kunden das tiefste Schutzniveau greifen. Im Zusammenhang mit der Angemessenheits- und Eignungsprüfung geht das FIDLEG bei professionellen und institutionellen Kunden davon aus, dass diese über die notwendigen Kenntnisse und Erfahrung verfügen und, dass die mit der Finanzdienstleistung einhergehenden Risiken finanziell tragbar sind. Entsprechend reduziert sind v.a. die Informationspflichten.

REDUZIERTE VERHALTENSPFLICHTEN BEI PROFESSIONELLEN KUNDEN

Für Kunden, die als professionelle Kunden qualifizieren, greift ein geringeres Schutzniveau, v.a. in folgenden Bereichen:

  • Reduzierte Verhaltenspflichten nach Art. 7 ff. FIDLEG und Art. 6 ff. FIDLEV;
  • Befreiung von der Registrierungspflicht ins Beraterregister von gewissen ausländischen Kundenberatern, die einer prudenziellen Aufsicht unterstehen (Art. 28 Abs. 2 FIDLEG, Art. 31 FIDLEV);
  • Keine Prospektpflicht bei öffentlichem Angebot von Finanzinstrumenten (Art. 36 FIDLEG);
  • Kein Basisinformationsblatt beim Angebot von Finanzinstrumenten (Art. 8 Abs. 3, Art. 58 FIDLEG).

Professionelle Kunden können zudem auch ausdrücklich darauf verzichten, dass der Finanzdienstleister die folgenden Pflichten einhält (Art. 20 Abs. 2 FIDLEG):

  • Informationspflicht (Art. 8 und 9 FIDLEG, Art. 6 bis 15 FIDLEV): Der Vermögensverwalter informiert seinen Kunden sowohl über sich und seine Organisation wie auch über die mit der Vermögensverwaltung verbundenen Risiken, allfällige wirtschaftliche Bindungen an Dritte (was v.a. für Retrozessionen wichtig ist) und das berücksichtigte Marktangebot.
  • Dokumentations- und Rechenschaftspflicht (Art. 15 und 16 FIDLEG, Art. 18 und 19 FIDLEV): Die vereinbarte Finanzdienstleistung, die über den Kunden eingeholten Informationen und allfällige Empfehlungen, etwas nicht zu tun, sind schriftlich festzuhalten. Dem Kunden ist auf Anfrage eine Kopie dieser Dokumentationen offenzulegen wie auch Rechenschaft über das verwaltete Portfolio abzulegen.

Zwingend einzuhalten sind aber auch gegenüber professionellen Kunden, mit Ausnahme derjenigen professionellen Kunden, die als institutionelle Kunden qualifizieren, folgende Verhaltenspflichten:

  • Eignungs- und Angemessenheitsprüfung (Art. 10 bis 14 FIDLEG, Art. 16 und 17 FIDLEV): Vermögensverwalter haben für ihre Kunden eine Eignungsprüfung durchzuführen. Das heisst, dass sich der Vermögensverwalter über die finanziellen Verhältnisse, Anlageziele, Kenntnisse und die Erfahrung des Kunden zu erkundigen hat. Dies bezieht sich jedoch nicht auf jede einzelne Transaktion, sondern auf die Vermögensverwaltung als solche. Erbringt ein Vermögensverwalter oder ein anderer Finanzdienstleister nach FIDLEG lediglich Anlageberatung für einzelne Transaktionen, ohne dafür das gesamte Kundenportfolio zu berücksichtigen, genügt es, wenn sich der Anlageberater über die Kenntnisse und Erfahrungen seiner Kunden erkundigt und vor der Empfehlung von Finanzinstrumenten prüft, ob diese für den Kunden angemessen sind (sog. Angemessenheitsprüfung). Bei professionellen Kunden darf der Finanzdienstleister davon ausgehen, dass diese über die erforderlichen Kenntnisse und Erfahrung verfügen und die Anlagerisiken tragbar sind.
  • Transparenz und Sorgfalt bei Kundenaufträgen (Art. 17 bis 19 FIDLEG, Art. 20 und 21 FIDLEV): Vermögensverwalter haben stets im besten Interesse des Kunden zu handeln und müssen den Grundsatz von Treu und Glauben, das Prinzip der Gleichbehandlung und der bestmöglichen Ausführung von Kundenaufträgen etc. einhalten. Das FIDLEG spezifiziert dies, stellt aber auch klar, dass im besten Interesse nicht immer auch die billigste Variante ist, sondern dass neben dem Preis auch die Zeit und die Qualität zu berücksichtigen sind.
KEINE SPEZIFISCHEN VERHALTENSPFLICHTEN NACH FIDLEG BEI INSTITUTIONELLEN KUNDEN

Bei Geschäften mit institutionellen Kunden finden die Verhaltensregeln gemäss FIDLEG (Art. 7 bis 19 FIDLEG) generell keine Anwendung (Art. 20 Abs. 1 FIDLEG).

OPTING-OUT UND OPTING-IN

Je nach Kundenkategorie kann der Kunde erklären, dass er nicht in seiner zugeteilten Kategorie bleiben möchte, sondern dass er eine Erhöhung des Kundenschutzes wünscht (sog. Opting-in) oder dass er eine Reduktion des Kundenschutzes will (sog. Opting-out). Diese Erklärungen müssen schriftlich oder in anderer durch Text nachweisbarer Form vorliegen (Art. 5 Abs. 8 FIDLEG).

Der Finanzdienstleister muss seine Kunden, die nicht als Privatkunden gelten, vor dem Erbringen von Finanzdienstleistungen über die Möglichkeit zum Opting-in informieren (Art. 5 Abs. 7 FIDLEG).

Vorsorgeeinrichtungen und Einrichtungen, die nach ihrem Zweck der beruflichen Vorsorge dienen, mit professioneller Tresorerie (Art. 4 Abs. 3 lit. f FIDLEG) sowie Unternehmen mit professioneller Tresorerie (Art. 4 Abs. 3 lit. g FIDLEG) können erklären, dass sie als institutionelle Kunden gelten wollen (opting-out) (Art. 5 Abs. 3 FIDLEG).

Schweizerische und ausländische kollektive Kapitalanlagen und deren Verwaltungsgesellschaften, die nicht bereits als institutionelle Kunden gelten, können erklären, dass sie als institutionelle Kunden gelten wollen (opting-out) (Art. 5 Abs. 4 FIDLEG).

Professionelle Kunden, die keine institutionellen Kunden sind, können erklären, dass sie als Privatkunden gelten wollen (Opting-in) (Art. 5 Abs. 5 FIDLEG).

Institutionelle Kunden können erklären, dass sie nur als professionelle Kunden gelten wollen (Opting-in) (Art. 5 Abs. 6 FIDLEG).

Eine Übersicht der Möglichkeiten für ein Opting-out oder ein Opting-in finden Sie in der nachstehenden Tabelle.

VERMÖGENDE PRIVATPERSONEN IM BESONDEREN

Zu den vermögenden Privatkunden hält Art. 5 Abs. 1 und 2 FIDLEG Folgendes fest:

1 Vermögende Privatkunden und für diese errichtete private Anlagestrukturen können erklären, dass sie als professionelle Kunden gelten wollen (Opting-out).

2 Als vermögend im Sinne von Absatz 1 gilt, wer glaubhaft erklärt, dass sie oder er:

  1. aufgrund der persönlichen Ausbildung und der beruflichen Erfahrung oder aufgrund einer vergleichbaren Erfahrung im Finanzsektor über die Kenntnisse verfügt, die notwendig sind, um die Risiken der Anlagen zu verstehen, und über ein Vermögen von mindestens 500 000 Franken verfügt; oder
  2. über ein Vermögen von mindestens 2 Millionen Franken verfügt.

Welche Vermögenswerte für die vorstehenden Schwellenwerte anrechenbar sind, ergibt sich aus Art. 5 FIDLEV.

ÜBERGANGSFRIST

Die Pflicht zur Kundensegmentierung muss innert eines Jahres nach Inkrafttreten des FIDLEG und der FIDLEV umgesetzt und erfüllt werden, somit voraussichtlich bis 31. Dezember 2020 (Art. 103 FIDLEV). Dazu gehört auch die Pflicht zur Erfüllung der Verhaltenspflichten gemäss Art. 7 bis 16 FIDLEG (Art. 105 FIDLEV).

ÜBERSICHT ÜBER DIE KUNDENKATEGORIEN

Die nachfolgende Übersicht zeigt, in welches Kundensegment ein Kunde fällt und welche Opting-in und Opting-Out Möglichkeiten bestehen. Dabei gilt:

  • X bezeichnet die gesetzlich vorgesehene Einteilung in ein Kundensegment.
  • Opting-in bedeutet die gesetzlich vorgesehene Möglichkeit der Erhöhung des Kundenschutzes.
  • Opting-out bedeutet die gesetzlich vorgesehene Möglichkeit der Reduktion des Kundenschutzes.
 PrivatkundeProf. KundeInst. Kunde
Bank nach BankG   Opting-in X
Vermögensverwalter nach FINIG   Opting-in X
Trustee nach FINIG   Opting-in X
Verwalter von Kollektivvermögen nach FINIG   Opting-in X
Fondsleitung nach FINIG   Opting-in X
Wertpapierhaus nach FINIG   Opting-in X
SICAV nach KAG   Opting-in X
Kommanditgesellschaft für kollektive Kapitalanlagen nach KAG   Opting-in X
SICAF nach KAG   Opting-in X
Vertreter ausländischer kollektiver Kapitalanlagen nach KAG   Opting-in X
Versicherung nach VAG   Opting-in X
Ausländer unter prudenzieller Aufsicht   Opting-in X
Zentralbank   Opting-in X
Nationale / supranationale öffentlich-rechtliche Körperschaft mit prof. Tresorerie   Opting-in X
Kantonale / kommunale Öffentlich-rechtliche Körperschaft mit prof. Tresorerie Opting-in X Opting-out
Vorsorgeeinrichtung mit prof. Tresorerie Opting-in X Opting-out
Unternehmen mit prof. Tresorerie Opting-in X Opting-out
Grosses Unternehmen nach Art. 4 Abs. 5 FIDLEG Opting-in X Opting-out
Private Anlagestruktur für vermögende Privatkunden mit prof. Tresorerie Opting-in X Opting-out
Vermögende Privatkunden X Opting-out  
Private Anlagestruktur für vermögende Privatkunden ohne prof. Tresorerie X Opting-out  
Schweizer kollektive Kapitalanlage, die nicht selbst oder über ihre Fondsleitung als institutionelle Kunden gelten   X Opting-out
Ausländ. kollektive Kapitalanlage, die nicht selbst oder über ihre Verwaltungsgesellschaft als institutionelle Kunden gelten   X Opting-out
Alle anderen X    

 

DA KOMMT NOCH MEHR…

Die nächste Ausgabe der FIDLEG SOLUTION – News befasst sich mit der Eignungsprüfung nach FIDLEG, die unter FIDLEG für jeden Vermögensverwalter zwingend sein wird.

Ihr FIDLEG SOLUTION Team
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